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Wenn der Grundriss den Betrieb beruhigt

Neubau Klinik Gols

Klinikplanung als Prozessarchitektur – erzählt am ATP-Beitrag für den Neubau der Klinik Gols. Der Entwurf entstand im Rahmen eines EU-weiten, offenen, zweistufigen Realisierungswettbewerbs mit anschließendem Verhandlungsverfahren. ATP erreichte als eines von sechs ausgewählten Projekten Stufe 2. 

Man erkennt gute Klinikplanung selten an einem Detail. Man erkennt sie daran, dass sich der Alltag nicht ständig selbst im Weg steht – weil Übergaben, Wege und Schnittstellen so geordnet sind, dass Betriebssicherheit entsteht, auch wenn es hektisch wird. 

Genau aus diesem Grund hat ATP den Wettbewerbsbeitrag für die Klinik Gols nicht als Formidee entwickelt, sondern als betriebliche Grundordnung. Funktionsketten, Erschließung und die Trennung der Ströme haben den Grundriss geführt – und damit die Architektur. 

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Wenn wir im Gesundheitsbau entwerfen, zeichnen wir zuerst den Betrieb – erst danach das Haus.

Julia Heisenberg

Architektin in Wien

Der Ort verlangt Zurückhaltung – der Betrieb verlangt Klarheit 
Das neue Krankenhaus liegt in einem Landschaftsraum, der keine Dominanz braucht. Der Baukörper folgt daher der Topografie: linear Nord–Süd, nicht quer zum sanft abfallenden Gelände, bewusst von der Straße abgerückt, damit keine Torsituation entsteht. Er bleibt bei zwei Hauptgeschossen und fügt sich unauffällig in den Naturraum ein; nur nach Süden zum Wirtschaftshof entsteht durch den Hang ein halbes Zusatzgeschoss. Diese Zurückhaltung ist nicht nur städtebaulich, sondern auch betrieblich konsequent: Kompaktheit minimiert die bebaute Fläche und unterstützt Orientierbarkeit, während die Grundrissstrukturen künftige Nutzungsänderungen und Erweiterungen einfacher umsetzbar machen. 

Der erste entscheidende Moment ist das Ankommen 
Im ATP-Entwurf für Gols beginnt die Organisation nicht irgendwo im Inneren, sondern am Eintrittspunkt. Die zweigeschossige Eingangshalle ist das Herzstück und die organisatorische Mitte des Hauses. Sie empfängt Patient:innen und Besucher:innen mit Helligkeit und Großzügigkeit, aber ihre eigentliche Leistung liegt in der Klarheit: Infopoint und zentrale Anmeldung bilden direkt am Haupteingang die gemeinsame Anlaufstelle, die Funktionsbereiche sind für Externe übersichtlich erkennbar. Von hier aus führt die Vertikalerschließung zwei Wege gleichzeitig: Zwei offene Treppen und Aufzüge bringen Besucher:innen und Patient:innen ins Obergeschoss, während interne Aufzüge in den Funktionsbereichen die Logik für Betten und Logistik ergänzen. Der Betrieb wird nicht nur „geführt“, er wird räumlich entkoppelt. Und dann passiert etwas, das in Gesundheitsbauten selten zufällig entsteht: Die Halle öffnet sich zweigeschossig nach Süden zur Landschaft, der Blick wird Richtung See gelenkt und lädt zum Verweilen ein. Das ist kein dekoratives Motiv, sondern ein Ruheanker im ersten, oft angespannten Moment des Klinikaufenthalts. 

Entflechtung beginnt vor der Tür 
Viele Konflikte im Klinikbetrieb entstehen nicht im Gebäude, sondern an den Rändern: Anlieferung, Rettung, Personalzugang, Besucherströme. Das ATP-Entwurfsteam hat die Außenerschließung deshalb bewusst getrennt geführt. Besucher:innen und selbstkommende Patient:innen nutzen die erste Zufahrt auf das Grundstück; Rettung und Krankentransporte fahren in der Mitte direkt zur ZAE sowie Dialyse/Onkologie; Mitarbeiter:innen und Lieferverkehr erhalten eine eigene Zufahrt im unteren Grundstücksbereich – dort ist auch der Heliport verortet. 

Petra Mair, Geschäftsführerin bei ATP Wien.

Wir trennen Verkehrsströme, weil das Betriebssicherheit schafft: weniger Konflikte, klarere Hygiene, kürzere Wege.

Petra Maier

Architektin, Geschäftsführerin in Wien

Akutlogik als Verbund 
Im Erdgeschoss wird die Akutversorgung nicht „nebeneinander“ organisiert, sondern als Verbund gedacht: Zentrale Erstversorgung, klinische Ambulanzen und Radiologie liegen als enges Funktionscluster, das Zusammenarbeit im Tagesbetrieb unterstützt. Die Struktur orientiert sich um zwei Innenhöfe; Patient:innengang und Personalgang entflechten die Abläufe, damit sich Bewegungen nicht gegenseitig blockieren. Im ruhigeren Südteil liegen Dialyse und tagesklinische Onkologie – beide mit direktem Außenzugang für Krankentransporte. Damit bleibt die Logik der Wege auch dann stabil, wenn die Situation nicht planbar ist. 

Zwei Baukörper für zwei Installationsgrade 
Der wirtschaftliche Kern des Projekts ist nicht „Sparen“, sondern Differenzieren. Der Entwurf erzielt durch Kompaktheit und Einfachheit einen BGF/NF-Faktor von 1,92, und die Aufteilung in zwei Baukörper (West/Ost) macht die Optimierung von Tragwerk und Technik für die jeweiligen Funktionsbereiche möglich. Im Westen sitzen die hochinstallierten Funktionen (OP, Radiologie, ZAE). Gerade hier nutzt die niedrige Zweigeschossigkeit einen zentralen Vorteil: Lange vertikale Versorgungswege werden vermieden, weil die zentrale Lüftungszentrale mittig unter der Halle liegt und die große Dachzentrale direkt oberhalb der Hauptverbraucher Radiologie und OP-Bereich situiert ist. Der östliche Baukörper bündelt im Obergeschoss alle Pflegestationen; das engere Grundraster passt zum niedrigeren Installationsgrad. Das Projekt basiert grundsätzlich auf einem modularen Raster, das hohe Vorfertigungstiefe und wirtschaftliche Bauabläufe ermöglicht. Wiederkehrende Fassadenelemente vereinfachen den Rückbau und unterstützen langfristige Anpassungsfähigkeit; die nachhaltige Planung berücksichtigt Bau, Betrieb und Rückbau gleichermaßen und stärkt so die Wirtschaftlichkeit über den Lebenszyklus. 

Energie ist Teil der Betriebssicherheit 
Im Gesundheitsbau ist Energie kein Komfortthema, sondern Betriebsdisziplin. Im Entwurf von ATP für Gols ist das Energiekonzept so angelegt, dass ein wesentlicher Anteil des Gesamtenergiebedarfs über standortnahe Ressourcen gedeckt werden kann, während das Gesamtsystem zugleich auf stabile Betriebsführung und Redundanz ausgelegt ist. 

Die Wärmebereitstellung ist als Verbund beschrieben: Nahwärmenetz, Wärmepumpen unter Nutzung von Abwärme aus dem Objekt, Geothermie über Tiefensonden sowie Abwasserwärmerückgewinnung. Ergänzend ist Fernwärme als Ersatz- und Redundanzsystem vorgesehen, sowohl für Spitzenlasten als auch zur Rückspeisung bei Überschüssen. Die Niedertemperatur-Wärmepumpen sind kaskadiert und zwischen Heiz- und Kälteenergiespeichern eingebunden; dadurch wird gleichzeitiges Heizen und Kühlen möglich, Lastspitzen werden geglättet und der Betrieb bleibt auch bei Ausfall einzelner Komponenten stabiler. 

Auch die Lüftung wird als Effizienzhebel geführt: mit hocheffizienter Wärmerückgewinnung und in Patient:innenzimmern mit Enthalpietauschern. Eine vorgelagerte Konditionierung der Außenluft über einen aktivierten Frischluftkollektor im passiven Wärmeaustausch mit der Geothermie reduziert Heiz- und Kühlleistungen der Zentralgeräte und reagiert auf zukünftige Klimadaten. Eine Photovoltaikanlage mit maximaler Belegung deckt zudem einen wesentlichen Anteil des Eigenstrombedarfs für Wärmepumpen, Lüftung und Regeltechnik und erhöht so den Anteil erneuerbarer Energien am Gesamtbedarf. 

Healing ist hier Teil der Organisation 
Die Zimmer der Pflegestationen sind so situiert, dass alle einen Ausblick in die freie Landschaft erhalten; gegenseitige Einblicke werden vermieden. Eine geschützte Dachterrasse für Patient:innen öffnet sich nach Osten zur Landschaft. Direkt am Baukörper entstehen gestaltete Freiflächen für angrenzende Nutzungsbereiche – etwa für Kindergarten und Geriatriestation im Osten sowie für die Terrasse des Mitarbeiter:innen-Speisesaals im Süden. Der Haupteingang erhält einen großzügigen Vorplatz, der an die Cafeterrasse im Grünen angrenzt; der weitere Freiraum wird als großzügiger Landschaftsraum konzipiert, der nahtlos in die naturnahen Flächen der Umgebung übergeht. 

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