Healing Environment

newsAuthor.image.originalResource.alternative}

Dipl.-Architektin ETH Petra Hemmi, Head Architect bei ATP Zürich

05.04.2024, Lesezeit: 4 Minute(n)

Wie „heilende“ Planung Nachhaltigkeit begünstigt.

Krankenhäuser erinnern uns oft an Krankheit oder Leid. Nicht an das, was wir hier eigentlich suchen – Heilung. Genau dieses Dilemma will die moderne Planung ändern und rückt zunehmend den Menschen mit all seinen Bedürfnissen in den Fokus. Wir sprechen heute von Gesundheitsbauten oder Healthcare-Facilities, was sich auch positiv auf deren ökologische und soziale Nachhaltigkeit auswirkt.

Den Fokus auf Heilung lenken
Wie sehr die Umgebung auf unsere Psyche und damit auf unsere Erholung wirkt, ist durch zahlreiche Studien belegt. Im Kontext von Gesundheitsbauten gewinnt „Healing Environment“ als Konzept daher immer mehr an Bedeutung. Es besagt, dass durch eine „heilungsfördernde Umgebung“ Stress reduziert wird und ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit entsteht. Das begünstigt den Prozess der Genesung und/oder steigert das allgemeine Wohlbefinden. Mehrfach wird in diesem Zusammenhang die Studie des Architektur-Professors Roger Ulrich von 1984 herangezogen1. Diese fand heraus, dass Patient:innen in Zimmern mit Blick ins Grüne einen kürzeren Krankenhausaufenthalt benötigten als jene, die auf eine Mauer blickten2.

Ein Healing Environment wirkt durch seine wohltuende Ästhetik dank der Materialität, der Wahl der Farben und der Einrichtung. Darüber hinaus bietet es Zugänge zur Natur bzw. Grünzonen, soll soziale Interaktion fördern und die betrieblichen Abläufe effizienter gestalten.

Stressoren vermeiden durch ganzheitliche Planung
Bei der Planung jeglicher Art von Gesundheitseinrichtungen – Neubau, Umbau oder Sanierung – ist es inzwischen Standard, Healing-Environment-Aspekte ins Konzept umfassend zu integrieren. Auftraggeber:innen verlangen selbst danach. Denn von einer solch attraktiven Umgebung profitieren nicht nur die Patient:innen und  Besucher:innen, sondern auch – ganz wichtig – das gesamte Personal. Man darf nicht vergessen: Ein Gesundheitsbau ist immer auch ein Arbeitsplatz mit komplexer Struktur und hohem Stressfaktor. Deshalb achten wir beim Planen darauf, das Wohlbefinden zu steigern, indem wir folgende Stressoren vermeiden oder minimieren:

  • Lärm: Ruhe und ein ungestörter Schlaf sind für die Gesundung der Patient:innen sehr wichtig. Wir achten deshalb darauf, Bereiche mit hohem Lärmpotenzial von den Zimmern oder Ruhezonen zu trennen. Auch der Einsatz dämmender Materialien kann einer Lärmkulisse entgegenwirken.
  • Natur bzw. Natürlichkeit: Durch ein biophiles Design werden unterschiedliche Naturbeziehungen geschaffen, die Ruhe und Entspannung fördern. Dazu gehören ausreichend Tageslicht, schöne Ausblicke und der Einsatz natürlicher Materialien wie Holz. Von Vorteil wäre auch der Zugang zu Grünzonen wie z. B. in einen Garten, Park oder auf eine Terrasse, um allen Gebäude-Nutzer:innen die Möglichkeit zu geben, sich vom Arbeitsplatz oder Genesungsraum zu trennen und sich in der frischen Luft zu bewegen bzw. auszuruhen.
  • Luftqualität: Unser Geruchssinn ist direkt mit unserem limbischen System verbunden. Unangenehme Duftreize triggern negative Emotionen. Hochwertige Ventilations- und Filtersysteme unterstützen eine geruchsneutrale und vor allem gesunde Belüftung, die nicht an die typische sterile „Krankenhausluft“ erinnert.
  • Farben: Wir konzipieren ein stimmiges Moodboard mit einer Farb- und Texturwelt, die Ruhe und eine positive Energie ausstrahlen. Dazu gehört auch die Integration von Kunstwerken ins Interior-Design.
  • Flexibilität und Komfort: Wir achten auf größtmögliche Adaptierbarkeit, damit man situationsbedingt auf die Bedürfnisse des Menschen eingehen und z. B. mehr Privatsphäre in den Zimmern oder den Aufenthaltsräumen schaffen kann.
  • Orientierung: Klare Strukturen können betriebliche bzw. medizinische Abläufe effizienter gestalten und Wege verkürzen. Patient:innen helfen diese, sich in einer für sie fremden Umgebung in kurzer Zeit zurechtzufinden.   

 

Healing Environment macht nachhaltig Sinn
Wenn wir allgemein von Gesundheitseinrichtungen sprechen, meinen wir verschiedene Institutionen, in denen unterschiedliche Prozesse ablaufen.

Funktionierende Prozesse ermöglichen reibungslose Abläufe, was wiederum dabei hilft, den Stresslevel von Patient:innen und Personal zu senken. Indirekt trägt auch das zum Heilungsprozess bei. Deshalb ist die Zusammenarbeit einer Betriebsplanung und der Integralen Gebäudeplanung so wichtig.

Die Integrale Planung berücksichtigt dabei sowohl gestalterische als auch funktionale Aspekte, die im Sinne eines nach ESG nachhaltig geplanten modernen Gebäudes zu berücksichtigen sind. Eine Klinik mit Langzeitpatient:innen verlangt etwa ein eher zurückhaltendes Design und gute Adaptierbarkeit für spezielle Bedürfnisse, etwa für mehr Wohnlichkeit. Wohingegen sich ein Zimmer in einem Akutspital auch mal akzentuiert im Sinne eines Hotelzimmers zeigen darf. Im Gestaltungskonzept denken wir natürlich auch an kulturelle bzw. geographische Eigenheiten der Nutzer:innen. Viele Anforderungen an nachhaltige Planung, die eine heilende Umgebung ausmachen, stehen auch im Einklang mit ökologisch und ökonomisch relevanten Faktoren, wie der Senkung des Energieverbrauchs durch Verwendung von viel Tageslicht anstelle künstlicher Beleuchtung. Auch tragen nachhaltige Materialien und der Einsatz energieeffizienter haustechnischer Systeme ihren Teil zur Minimierung schädlicher Umweltwirkungen des Gebäudes bei. Schließlich erspart auch die Planung flexibler Raumstrukturen mit dem Fokus auf die sich ändernden Bedürfnisse der Heilung-Suchenden spätere kosten- und betriebsaufwändige Umbaumaßnahmen.

Eine nach dem Prinzip „Healing Environment” integral und nachhaltig geplante Immobilie stärkt darüber hinaus das Image einer Gesundheitseinrichtung, sowohl intern als auch nach außen. Wohlfühlen am Arbeitsplatz stärkt die Bindung und Zufriedenheit der Mitarbeitenden, Fluktuationen und Krankenstände werden minimiert, was sich auch positiv auf das gesamte Betriebsklima auswirkt. Der Betrieb wird für potenziell neues medizinisches Personal attraktiver, was wiederum die Versorgungsqualität des jeweiligen Krankenhauses steigert.

 

1Rainey, R. M. (2019). Design for Healing: The Transformation of Health-Care Facilities in the United States. SiteLINES: A Journal of Place, 15(1), 3–5. https://www.jstor.org/stable/26767357
2Ulrich, Roger. (1984). View Through a Window May Influence Recovery from Surgery. Science (New York, N.Y.). 224. 420-1. 10.1126/science.6143402.

Schweizer Paraplegiker-Stiftung. © Hannes Henz
Schweizer Paraplegiker-Stiftung. © Hannes Henz
Zimmer auf Intensivpflegestation, Schweizer Paraplegiker-Stiftung. © Hannes Henz
Zimmer auf Intensivpflegestation, Schweizer Paraplegiker-Stiftung. © Hannes Henz
Cafeteria, Schweizer Paraplegiker-Stiftung. © Hannes Henz
Cafeteria, Schweizer Paraplegiker-Stiftung. © Hannes Henz
Petra Hemmi

Petra Hemmi, Dipl. Architektin ETH, studierte Architektur an der ETH Zürich, wo sie auch als Entwurfs- und Diplomassistentin am Lehrstuhl für Architektur tätig war. 1995 gründete sie gemeinsam mit Serge Fayet Hemmi Fayet Architekten AG (seit 2024 in ATP Zürich integriert), das sich zu einem erfahrenen Krankenhausplaner entwickelt hat.

Petra Hemmi
Head Architect bei ATP Zürich

Kontakt aufnehmen

Kontakt aufnehmen

Wir freuen uns sehr über Ihr Interesse! Bitte geben Sie uns ein paar Informationen, damit wir mit Ihnen Kontakt aufnehmen können.