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Mehr als nur Bäume

Warum Grünräume die Lebensgrundlage unserer Städte sind

23.06.2026, Lesezeit: 3 Minuten
Städtebau und Landscape Sonderplanung Hamburg
Dimitra Theocharid, CEO von Ensphere, einer Tochtergesellschaft von ATP architekten ingenieure.

Dimitra Theochari

Architektin, Landschaftsarchitektin, Geschäftsführerin ensphere

Grünräume in Städten sind weit mehr als eine gestalterische Ergänzung. Sie erfüllen essenzielle Funktionen für das Funktionieren einer Stadt, prägen die Identität von Orten und schaffen Räume für Begegnung und Gemeinschaft. Über die Rolle von Stadtgrün als Infrastruktur, Baukultur und sinnstiftende Ressource.

Fast eine Million Bäume sind laut einer aktuellen Auswertung der Deutschen Umwelthilfe in den vergangenen Jahren aus deutschen Städten verschwunden (siehe: Hitze-Check 2026). Die Zahl ist alarmierend. Doch sie beschreibt nur die sichtbare Spitze eines viel größeren Problems. Denn tatsächlich verlieren wir nicht einfach Bäume. Wir verlieren die ökologische Infrastruktur, die unsere Städte lebenswert macht.

Die Diskussion über Stadtgrün wird häufig auf Naturschutz reduziert. Dabei geht es um weit mehr als um einzelne Bäume oder Grünflächen. Es geht um die Frage, wie wir in Zukunft leben wollen. Wie wir unsere Städte gestalten. Wie wir Gesundheit, Lebensqualität und wirtschaftliche Attraktivität langfristig sichern. Aus meiner Sicht gibt es drei zentrale Gründe, warum Grünräume heute wichtiger sind als je zuvor: Sie sind Infrastruktur. Sie sind Baukultur. Und sie stiften Sinn.

Dimitra Theocharid, CEO von Ensphere, einer Tochtergesellschaft von ATP architekten ingenieure.

Wir verlieren keine Bäume. Wir verlieren die Lebensgrundlage unserer Städte.

Dimitra Theochari

Architektin, Landschaftsarchitektin, Geschäftsführerin ensphere

Warum Stadtgrün mehr ist als „Behübschung“
Die Rolle von Begrünung als Infrastruktur wird oft unterschätzt. Wir investieren selbstverständlich in Straßen, Brücken, Stromnetze und Kanalisation. Niemand würde deren Bedeutung infrage stellen. Gleichzeitig behandeln wir Bäume und Freiräume vielerorts noch immer als dekorative Ergänzung – als etwas, das man sich leisten kann, wenn Budget und Fläche vorhanden sind.
Dabei erfüllen sie essenzielle Funktionen für das Funktionieren einer Stadt. Sie kühlen unsere Quartiere während Hitzewellen, speichern Regenwasser, reduzieren Überflutungsrisiken, verbessern die Luftqualität, produzieren Sauerstoff und schaffen Lebensräume für Vögel, Insekten und zahlreiche weitere Arten. Vor allem aber schützen sie die Gesundheit der Menschen.
Wer an einem heißen Sommertag von einer vollständig versiegelten Fläche in einen schattigen Park oder unter eine Baumgruppe tritt, erlebt unmittelbar, worum es geht. Die Temperatur sinkt spürbar. Der Aufenthalt wird angenehm. Menschen verweilen. Die Stadt wird wieder bewohnbar. Genau deshalb ist Grün im Stadtraum keine Behübschung. Es ist Infrastruktur. Und doch verlieren wir es kontinuierlich.
Wir würden niemals akzeptieren, dass innerhalb weniger Jahre große Teile unserer Kanalisation oder unseres Straßennetzes verschwinden. Beim Verlust von Bäumen scheint uns die Dramatik dagegen oft nicht bewusst zu sein. Dabei hängt die Anpassungsfähigkeit unserer Städte an den Klimawandel wesentlich von dieser grünen Infrastruktur ab.

Begrünung als Baukultur
Zu oft wird Landschaftsarchitektur noch als etwas verstanden, das entsteht, nachdem die Gebäude geplant wurden. Als letzter Schritt. Als Verschönerung. Dabei prägen Grünräume unsere Wahrnehmung von Städten mindestens genauso stark wie Architektur.
Wenn wir an Paris denken, denken wir an die Boulevards. Wenn wir an Barcelona denken, denken wir an die Ramblas. Wenn wir an Kopenhagen denken, denken wir an die Verbindung von Wasser, öffentlichem Raum und urbanem Leben. Die erfolgreichsten Städte der Welt sind nicht deshalb erfolgreich, weil sie die spektakulärsten Gebäude besitzen. Sie sind erfolgreich, weil sie hochwertige öffentliche Räume geschaffen haben. Stadtgrün ist deshalb kein Luxus. Es ist Städtebau.
Gerade heute, wo viele Innenstädte mit Leerstand, Onlinehandel und sinkender Aufenthaltsqualität kämpfen, wird die Qualität des öffentlichen Raums zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Menschen besuchen Innenstädte nicht wegen des Asphalts. Sie kommen wegen Atmosphäre, Identität und Erlebnisqualität.
Wenn wir unsere Zentren wiederbeleben wollen, müssen wir über Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum sprechen; über Bäume, Wasser, Schatten. Die Zukunft unserer Innenstädte entscheidet sich nicht allein im Einzelhandel. Sie entscheidet sich in der Qualität des öffentlichen Lebens.

Best-Practice-Beispiele
In vielen unserer Projekte erleben wir genau diese Zusammenhänge. Im Projekt „Neue Mitte Südost“ in Erfurt beschäftigen wir uns beispielsweise mit der Transformation eines Stadtbereichs, der verschiedene Quartiere miteinander verbindet. Die Herausforderung besteht dort nicht nur darin, neue Freiräume zu gestalten. Es geht darum, Identität zu schaffen, Menschen zusammenzubringen und einem Ort neue Perspektiven zu geben. Gute öffentliche Räume können dabei zu einem Motor für gesellschaftliche und städtebauliche Entwicklung werden.

Konzeptplan der Neuen Mitte Südost Erfurt mit Grünvernetzung, Regenwassermanagement, Biodiversitätsflächen und klimaresilienten Freiräumen.
Ein großzügiger, topografisch eingebetteter Landschaftsboulevard bildet das Rückgrat des neuen Quartiers „Neue Mitte Südost“ in Erfurt. © Kortemeier Brokmann

Ein anderes Beispiel ist das Melbbad in Bonn. Auf den ersten Blick handelt es sich um die Modernisierung eines Freibades. Tatsächlich arbeiten wir jedoch an einem Ort, mit dem Generationen von Menschen persönliche Erinnerungen verbinden. Solche Orte sind Teil der kollektiven Identität einer Stadt. Wenn wir sie weiterentwickeln, gestalten wir nicht nur Infrastruktur. Wir bewahren und erneuern gleichzeitig kulturelle und soziale Werte.

Ähnlich verhält es sich beim Aussichtsturm in Titz. Dieser bildet einen zentralen Baustein im Transformationsprozess der Tagebauregion Garzweiler und fungiert als Landmarke, als Lern- und Begegnungsraum und als Auftakt für eine Landschaft, die sich in den kommenden Jahrzehnten grundlegend neu formiert. Auf diese Weise schafft der Turm eine neue Beziehung zwischen Mensch und Landschaft. Er macht die Region sichtbar, stärkt die Identifikation mit dem Ort und vermittelt ein neues Bewusstsein für Natur, Landwirtschaft und Landschaftswandel. Gute Freiraumplanung erzeugt nicht nur Nutzung. Sie erzeugt Bedeutung.

Visualisierung des Aussichtsturms Titz-Jackerath als begehbare Landmarke im Transformationsraum Garzweiler mit Aussichtsplattform und begrünten Ebenen.
Der Aussichtsturm Titz-Jackerath markiert den Übergang von einer industriell geprägten Landschaft zu einem neuen, ökologisch ausgerichteten Lebensraum. © ZHAC

Grünräume stiften Sinn
Grünräume geben Orientierung in einer Welt, die immer schneller wird. Sie verbinden Menschen mit den Jahreszeiten, mit Natur und mit ihrem unmittelbaren Lebensumfeld. Sie schaffen Orte der Begegnung und des Austauschs. Orte, an denen Kinder spielen, ältere Menschen verweilen, Nachbarn miteinander ins Gespräch kommen und Gemeinschaft entstehen kann.
Ein Baum ist oft der einzige Teil einer Stadt, der älter wird als wir selbst. Er begleitet Generationen. Er schafft Erinnerungen. Er gibt einem Ort Identität. Vielleicht liegt genau darin die besondere Kraft von Grünräumen: Sie erfüllen nicht nur ökologische, sondern auch emotionale und gesellschaftliche Funktionen.
In meiner eigenen Arbeit fasziniert mich genau diese Verbindung zwischen Mensch und Natur. Aufgewachsen in Griechenland habe ich erlebt, wie selbstverständlich das öffentliche Leben draußen stattfindet. Plätze, Straßen und Freiräume sind dort keine Restflächen zwischen Gebäuden. Sie sind soziale Räume. Menschen treffen sich dort, verbringen Zeit miteinander und gestalten Gemeinschaft.
Später durfte ich in zahlreichen Ländern und Projekten arbeiten. Dabei habe ich immer wieder dieselbe Beobachtung gemacht: Lebenswerte Städte sind nicht solche mit außergewöhnlicher Architektur. Es sind Städte, in denen Menschen sich gerne aufhalten.

Besonders eindrücklich erlebe ich das aktuell im europäischen Projekt „Cooling Havens“ in Athen. Dort entwickeln wir klimaresiliente öffentliche Räume, die auch während extremer Hitzewellen nutzbar bleiben. Für viele Menschen ist ein schattiger Platz keine Frage des Komforts. Er entscheidet darüber, ob sie ihre Wohnung verlassen, sich draußen aufhalten und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können.

Öffentlicher Platz in Athen mit Brunnen, Bäumen und Aufenthaltsbereichen als Teil des Projekts Cooling Havens zur Klimaanpassung.
Das Projekt „Cooling Havens Athens“ reagiert auf die klimatischen Herausforderungen der Stadt, wie extreme Hitzeperioden. © ensphere

Fazit
Klimaanpassung ist nicht bloß eine technische Aufgabe. Sie entscheidet darüber, ob öffentliches Leben überhaupt stattfinden kann.
Städte wie Singapur zeigen bereits, was möglich ist: Dort wird Natur nicht als Luxus verstanden, den man sich nach wirtschaftlichem Erfolg leisten kann. Natur wird als Voraussetzung für wirtschaftliche Attraktivität, Lebensqualität und Zukunftsfähigkeit betrachtet. Diese Denkweise sollten wir auch in Europa stärker verankern.
Vielleicht sollten wir deshalb die Debatte neu führen. Nicht: Wie viele Bäume können wir uns leisten? Sondern: Wie viele Bäume können wir uns leisten zu verlieren? Denn die größte Infrastrukturkrise unserer Städte ist heute nicht der Zustand ihrer Straßen. Es ist der Zustand ihrer Ökosysteme.

Die Städte der Zukunft werden nicht daran gemessen werden, wie viel sie gebaut haben. Sondern daran, wie lebenswert sie geblieben sind.

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