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Kirchenraum neu gedacht

Wie aus historischen Kirchen wieder lebendige Treffpunkte werden

19.02.2026, Lesezeit: 2 Minuten
Projekt Kirche Petrus Canisius
Bauen im Bestand Innsbruck
Porträt von Florian Anschober, Architekt bei ATP architekten ingenieure in Innsbruck.

Florian Anschober

Architekt, ATP Innsbruck

Viele Pfarren stehen vor großen finanziellen und strukturellen Herausforderungen. Zugleich sind sie ein einzigartiges kulturelles Erbe und wichtige Orte der Gemeinschaft. Ihre Umnutzung erfordert besondere planerische Sensibilität und integrales Know-how. Ein herausragendes Beispiel dafür ist die Innsbrucker Pfarrkirche Petrus Canisius, die künftig als lebendiger Kletter- und Gemeinschaftsraum neue Bewegung in den Bestand bringt.

Kirchenräume gehören zu den prägendsten Räumen des öffentlichen Lebens – und doch bleiben viele heute leer. Sinkende Besucher:innenzahlen und veränderte gesellschaftliche Bedürfnisse bringen zahlreiche Sakralbauten an einen Wendepunkt. Ihre Umnutzung stellt die Planung daher vor eine besondere Aufgabe: Sie verlangt Verantwortung, Sensibilität und neue Antworten.

In Österreich ist die Umnutzung von Sakralräumen bislang selten bis kaum erprobt. Das verstärkt rechtliche, denkmalpflegerische und gesellschaftliche Herausforderungen.

Sakralbauten entsprechen oft nicht den heutigen Anforderungen an Haustechnik, Brandschutz oder Barrierefreiheit. Gleichzeitig tragen sie neben ihrem materiellen Wert eine tief verankerte religiös-symbolische Bedeutung. Eingriffe werden daher nicht nur baulich, sondern auch kulturell und ethisch bewertet – und erfordern einen sensiblen Dialog zwischen Kirche, Denkmalpflege und Öffentlichkeit und Architektur.

Die Kraft des Raums
Gerade weil Sakralbauten über außergewöhnliche räumliche Qualitäten verfügen, eignen sich besonders jene Nutzungen, die diese Großzügigkeit aktiv erlebbar machen. Große Spannweiten, Lichtführung, vertikale Raumwirkung und klare Geometrie verleihen Kirchenräumen ihre besondere Atmosphäre. Genau diese Eigenschaften reagieren jedoch sensibel auf (technische) Eingriffe. Veränderung ist nur bis zu jenem Punkt verträglich, an dem Raumwirkung, Proportion und Lichtkonzept weiterhin ablesbar bleiben.

Doch welche Funktionen können den Raum beleben, ohne ihn zu überformen? Nicht jede Nutzung passt in eine Kirche. Sport-, Kultur- oder Versammlungsnutzungen funktionieren gut, weil sie freistehend organisiert werden können. Sie lassen den Raum als Ganzes erlebbar werden. Entscheidend ist dabei immer, dass sie mit vertretbaren, reversiblen Eingriffen realisierbar sind.

„Gute“ Architektur wird dort spürbar, wo sie nicht verdrängt, sondern unterstützt.

Ergänzen statt konkurrieren
Der Umgang mit der symbolischen Bedeutung solcher Räume verlangt vor allem eines: Zurückhaltung, Lesbarkeit und Dialog. Neue Nutzungen müssen als zeitgenössische Ergänzung erkennbar bleiben und dürfen nicht versuchen, den sakralen Ausdruck zu imitieren oder zu überformen. Neue Funktionen lassen sich integrieren, ohne mit der bestehenden Architektur zu konkurrieren, indem neue Elemente konstruktiv eigenständig, klar strukturiert und formal reduziert ausgebildet werden. Freistehende, additive Einbauten respektieren den Bestand und lassen die historische Architektur prägend bleiben.

Reversible oder minimalinvasive Eingriffe sind das A & O. Denn Anforderungen und Nutzungen können sich künftig erneut ändern. Deshalb müssen alle Eingriffe rückbaubar und möglichst substanzschonend geplant werden. Reversibilität schafft sowohl denkmalpflegerische Akzeptanz als auch langfristige Flexibilität.

Bewegung im Bestand: Kirche als Kletterraum
Die Pfarrkirche Petrus Canisius ist ein gelungenes Beispiel für die Weiterentwicklung eines Kirchenraums. Der Schlüssel zum Erfolg lag hierbei in der Integralen Planung von Beginn an – im Zusammenspiel von Architektur, Haustechnik, Elektroplanung und Tragwerksplanung. Nur so konnte eine Lösung entwickelt werden, die die Anforderungen von Kirche, Stadt, Denkmalpflege und Öffentlichkeit gleichermaßen berücksichtigt.

Das Projekt ist in Österreich von außergewöhnlichem Interesse, da es eine der ersten Sakralumnutzungen dieser Art darstellt.

ATP architekten ingenieure plante den neuen Eingang zur Boulderhalle in Innsbruck.

Im Kirchenraum bleibt die räumliche Wirkung des von Horst Parson entworfenen Sakralbaus mit umlaufendem Lichtband vollständig erhalten. Die Kletterwände schweben als klare, neue Ebene über den Matten, der Altar bleibt sichtbar und zugänglich. Die erforderliche Haustechnik wird nahezu unsichtbar ausgelagert, sodass Klettern als neue Funktion klar erkennbar ist, ohne den sakralen Raum zu überlagern. Die für den hohen Luftwechsel notwendige Lüftungsanlage wird in der überhöhten Attika eines südlichen Zubaus untergebracht. Die Abluft wird über das Erdreich um das Gebäude zurückgeführt. Der denkmalgeschützte Bestand bleibt so weitgehend frei von Leitungsführungen und Einbauten.

Umnutzung bedeutet hier nicht, Geschichte zu ersetzen, sondern sie weiterzuschreiben – mit Respekt vor dem Ort, mit architektonischer Zurückhaltung und neuer gemeinschaftlicher Nutzung.

Die Architektur bleibt spürbar – auch wenn der Raum eine neue Funktion aufnimmt.

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